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Die Gutsherrschaft 1567 - 1866

Die Gutsherrschaft beginnt

Zur Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert wurden viele katholische Klöster säkularisiert („weltlich gemacht„), ihre Besitztümer gingen – oft nicht ohne Druck der nun protestantischen Landesherren – an adlige Besitzer über. So erging es auch dem Kloster Reinfeld.

Nach der Säkularisation des Klosters im Jahr 1567 erhielt der dänische Feldherr Daniel Rantzau Woldenhorn und die umliegenden Dörfer vom dänischen König. Sein Bruder und Erbe Peter ließ von 1570 bis 1585 neben dem Dorf Woldenhorn ein Herrenhaus in Backstein im Stil der Renaissance als Wasserburg errichten – das heutige Schloss Ahrensburg.

 Peter Rantzau erweiterte seinen Besitz mit den Dörfern Woldenhorn, Bünningstedt, Ahrensfelde und Meilsdorf und Timmerhorn noch durch Wulfsdorf, machte aus dem Besitz ein Adliges Gut und gründete ein eigenes Kirchspiel. Dafür erbaute er eine Kirche und kaufte die Gutsbewohner aus dem bisher zuständigen Kirchspiel Bergstedt aus. Ab nun wurde jeder Gutsherr gleichzeitig Kirchenpatron und stellte unter anderem den Pastor ein. Damit besaß er neben seinen sonstigen Rechten auch noch massiven Einfluss auf die geistliche Herrschaft. Die Verkündungen von der Kanzel durch die Pastoren war ein wichtiger Weg, den Gutsuntertanen Anweisungen zu erteilen, viele weltliche Termine, Befehle und Forderungen des Gutsherrn hatte der Pastor zu verlesen.

Die „Kirche zu Woldenhorn„ (heute Schlosskirche) und die sogenannten Gottesbuden, Wohnungen für Arme wie auch Bedienstete des Gutsherrn, wurden ungefähr zeitgleich mit dem heute als Schloss Ahrensburg bezeichneten Herrenhaus errichtet.

 

Die Macht des Gutsherrn

Wie die Woldenhorner darauf reagierten, dass sie plötzlich Gutsuntertanen der Rantzaus waren, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass der Gutsherr deutlich mehr Macht besaß als das Kloster. Ihm gehörte das gesamte Land, alle Höfe und alles Vieh; seine bäuerlichen Untertanen waren an das Land gebunden. Zudem hatte er die Gerichtsbarkeit und konnte so auch über Leib und Leben seiner Untertanen entscheiden. Die Bauern bewirtschafteten ihre Höfe gegen Pacht oder gegen die Entrichtung von Frondiensten, also durch Arbeit für die Gutswirtschaft. Zunächst wurden die adligen Privilegien und die Leibeigenschaft von den Ahrensburger Gutsherren der Überlieferung nach eher locker gehandhabt. Für den Gutsherren Detlev Rantzau sollte das später zu schweren Konflikten führen.

Detlev Rantzau optimiert sein Gut

Im Jahre 1715 erhielt Woldenhorn mit Detlev Rantzau einen neuen Gutsherrn. Er stammte aus einer anderen Linie der Rantzaus, die an der Schlei residierte. Er heiratete die zwölfjährige Ahrensburger Erbin Friedericia Amalia und zog auf Gut Ahrensburg ein.

Da ihm das Gut nicht profitabel genug war, führte er eine Reihe von Reformen durch, die alle zu Lasten seiner Gutsuntertanen gingen. So verschärfte er zum Beispiel die Regeln der Leibeigenschaft und ordnete mehr und längere Frondienste an.

Des Weiteren ließ er die Bauernhöfe des Dorfes Wulfsdorf abreißen und an ihrer Stelle einen eigenen großen Milchvieh-Wirtschaftshof einrichten. Die alteingesessenen Wulfsdorfer Bauernfamilien wurden auf andere Dörfer als Mieter oder Kleinbauern verteilt, was für viele eine soziale Herabstufung darstellte. Die Arbeit auf dem neuen Großbetrieb wurde nun mit den Frondiensten der Bünningstedter Gutsbauern erledigt.

Der „Ahrensburger Bauernkrieg“

Diese und viele weitere Reformen provozierten über drei Jahrzehnte immer wieder den erbitterten Widerstand der Ahrensburger Gutsuntertanen. Die Bauern führten nach heutigen Maßstäben mittelständische landwirtschaftliche Betriebe, von denen sie nun drei - teilweise sogar mehr - Arbeitskräfte täglich für die Arbeit für die Eigenwirtschaft des Gutsherren abstellen mussten. Diese Verschärfung der Gutsherrschaft empfanden sie als Verstoß gegen das Gewohnheitsrecht.

Die Bauern wehrten sich, indem sie Anweisungen ignorierten, vor dem Schloss demonstrierten, die Verwalter angriffen oder kollektiv flohen.

Rantzau reagierte mit Maßnahmen wie Auspeitschen und Gefängnis, Einquartierung von Soldaten bei den Bauern und Pfändung von Hab und Gut. Schließlich nahmen sich die Bauern einen Anwalt aus Hamburg und zogen gegen ihren Gutsherrn bis vor das königliche Gericht in Kopenhagen. Dieses mit Adeligen besetzte Gericht gab zwar grundsätzlich Detlev Rantzau Recht, allerdings nicht in allen Punkten. Die Bauern errangen mit ihrer bemerkenswerten Hartnäckigkeit einen kleinen Sieg: Der Gutsherr musste sich vor Gericht rechtfertigen und konnte auf seinem Gut nicht völlig nach Gutdünken verfahren.

Ein erfolgreicher Aufsteiger: Heinrich Carl Schimmelmann

Im Jahr 1759 erwarb der bürgerliche Kaufmann Heinrich Carl Schimmelmann Schloss und Gut Ahrensburg und die anhaftenden adeligen Privilegien gleich mit – eine Eintrittskarte in den Adel. Schimmelmann machte eine ungewöhnliche Karriere, die den Sohn eines Getreidehändlers in Demmin/Vorpommern später zum dänischen Lehnsgrafen und Schatzmeister des dänischen Königs aufsteigen ließ. Handels- und Geldgeschäfte mehrten seinen Reichtum. Zu einem der reichsten Männer Nordeuropas wurde er aber insbesondere als „global player„ ab 1763 im kolonialen transatlantischen Dreieckshandel, einem Tauschgeschäft zwischen Europa, Afrika und der Neuen Welt. Landwirtschaftliche und gewerbliche Produkte gingen von Kopenhagen zum Tausch gegen Sklaven an die Westküste Afrikas. Die Sklaven wurden in den Kolonien der Neuen Welt für die Arbeit auf den Zuckerrohr- und Baumwollplantagen verkauft, und die Plantagenrohstoffe zur Verarbeitung nach Europa transportiert. Schimmelmann besaß vier Zuckerrohrplantagen auf den heutigen U.S.Virgin Islands mit rund 1.000 Sklaven sowie zahlreiche Landgüter, Fabriken und Handelsmonopole für Kolonialprodukte in Nordeuropa. Schimmelmann war neben Königen und Aktiengesellschaften einer von wenigen privaten Geschäftsmännern, die die benötigten Handelsstützpunkte kontrollierten – so konnte er unter anderem auch vier eigene Schiffe auf die Dreiecksfahrten senden. Das sich aus verschiedenen Quellen speisende Geldvermögen steckte Heinrich Carl Schimmelmann in eine Familienstiftung (Geldfideikommiss), deren Erbteile seinen Nachkommen und deren Familien bis in das 19. Jahrhundert hohe Dividenden einbrachten.

Woldenhorn wird umgebaut

Als neuer Ahrensburger Gutsbesitzer ließ Heinrich Carl Schimmelmann das Herrenhaus und das Gutsdorf Woldenhorn gleich ab 1760 nach barocken Vorgaben repräsentativ umgestalten. Unter anderem wurde der Renaissancebau im Inneren mit einer großen Freitreppe ausgestattet und außen zweimal weiß gestrichen – von nun an wurde es das „Ahrensburger Schloss„ genannt. Schimmelmann ließ auch kleinere Parkanlagen, Alleen und Gärten anlegen. Auf dem Gutshof wurde ein neues Verwalterhaus errichtet.

Auch das Gutsdorf Woldenhorn wurde in den 1760er Jahren komplett umgestaltet: Die einzelnen Katen und Hufnerhäuser (Bauernhäuser) riss man nach und nach ab. An ihrer Stelle errichtete man neue Bauernhöfe, Katen und Wohnhäuser im Sinne einer barocken Kleinresidenz entlang einer zentralen Straße, der heutigen Großen Straße. Um den Marktplatz vor der Kirche entstanden große Mansardenhäuser für Schimmelmanns Angestellte und höher gestellte Gutsbewohner. Von einem Rondell am Ende der zentralen großen Straße aus wurden sternförmig drei neue, ebenfalls geradlinige Alleen angelegt und mit jungen Bäumen – Linden und Zitterpappeln – bepflanzt. Die von Schimmelmann für Woldenhorn gewählte Ortsanlage bot dem Gutsherrn nun eine repräsentative Durchfahrt von seinem Hamburger Kontor oder Wandsbeker Gut zum Ahrensburger Schloss. Um auch von dort die Geschäftskorrespondenz zügig erledigen zu können, nutzte Schimmelmann seinen Einfluss am Kopenhagener Hof und ließ die Postroute durch Woldenhorn an seinem Schloss vorbei legen – eine Routenführung, die später zur Chaussee und B 75 ausgebaut werden sollte. (Zeichnung der Ortsanlage)

Die Knicks entstehen

Bis in die 1760er Jahre hatten die Ahrensburger Bauern nach alter Gewohnheit ihre schmalen langen Ackerstreifen auf großen Flurstücken gemeinschaftlich bearbeitet. Nun wurden die Bauernländereien vermessen und in rechteckige Felder aufgeteilt, die mit lebenden Hecken und Steinwällen umzäunt wurden. So entstanden die heutigen Knicks mit geraden Koppeln und rechtwinkligen Wegen. Nicht nur das Landschaftsbild änderte sich dadurch, sondern auch das traditionelle bäuerliche Wirtschaften: Wurde vorher zur gleichen Zeit gemeinsam gesät und geerntet, so trug jetzt jeder Bauer allein die Verantwortung für seine Felder. Damit war die jahrhundertealte bäuerliche Wirtschaftsgemeinschaft in einem Dorf allerdings aufgehoben. Auch die Gemeindeweiden wurden vermessen und an einzelne Untertanen vergeben. Die Aufteilung in Koppeln galt damals bei Gutsbesitzern als fortschrittlich; ein Gut, das so bewirtschaftet wurde, hatte einen viel höheren Wert.

Die Bauern werden frei

Als Friedrich Joseph Schimmelmann im Jahr 1782 Ahrensburg von seinem Vater erbte, war er privat hoch verschuldet. Zur Steigerung seiner Einkünfte ließ er 1784 zunächst den Wirtschaftshof Wulfsdorf wieder unterteilen und das Land stückweise gegen Erbpacht an Gutsfremde meistbietend versteigern. 1788 folgte die Versteigerung der Gutsländereien seines großen Haupthofes beim Schloss. Diese Ländereien waren vorher durch die Woldenhorner und Bünningstedter Gutsbauern bewirtschaftet worden, die dort ihre Frondienste verrichteten. Weil die Gutswirtschaft aufgelöst und Arbeitsdienste nun nicht mehr benötigt wurden, entließ Friedrich Joseph Schimmelmann die Bauern aus der persönlichen Leibeigenschaft. Der Wirtschaftshof Meilsdorf war zwar verpachtet, aber auch er wurde durch Frondienste der Ahrensfelder Bauern bewirtschaftet. 1797 erhielten auch die Bauern in Ahrensfelde die Freiheitsbriefe für sich und ihre Familien, weil dem neuen Pächter des Meilsdorfer Hofes ihre Frondienste nun nicht mehr „mitverpachtet„ wurden. Alle übrigen Gutsuntertanen mussten auf ihre persönliche Freiheit bis 1805 warten, als ein Edikt des dänischen Königs die Aufhebung der Leibeigenschaft für alle Untertanen anordnete.

Die Napoleonischen Kriege und ihre Folgen

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts überzog Napoleon weite Teile Europas mit Eroberungskriegen. Da Dänemark auf der Seite Napoleons stand, kam es ab 1803 in Woldenhorn zu Soldateneinquartierungen, und es mussten Kriegsabgaben in Form von Pferden, Futtergetreide und Lebensmitteln geleistet werden. Die Lage verschlimmerte sich noch, als die feindlichen Truppen der Nordarmee im Winter 1813 ihr Quartier in Woldenhorn aufschlugen, um Hamburg zu belagern. Auf rund 1.000 Ahrensburger Gutsbewohner kamen auf einen Schlag 6.000 Mann und 2.000 Pferde. Die Belastung für die Dorfbewohner war immens.

Nach den Napoleonischen Kriegen hatten die Bauern mit schwankenden Getreidepreisen zu kämpfen. Dazu kam, dass der bankrotte dänische Staat seit 1813 Zusatzabgaben auf Grundbesitz erhob, die die Bauern schwer trafen. Das Jahr 1816 war dann so kalt, dass es als „Jahr ohne Sommer„ in die Geschichtsbücher einging. Auch durch die folgenden Missernten gingen viele Höfe Konkurs oder fielen an die Ahrensburger Gutsherren zurück, die im 19. Jahrhundert ihre Eigenwirtschaft wieder ausdehnten.

Die Bevölkerung wächst und die Armut nimmt zu

Das 19. Jahrhundert sah einen nie dagewesenen Bevölkerungsanstieg in Europa. Auch im Ahrensburger Gut verdoppelte sich die Zahl der Einwohner zwischen 1803 und 1864.

In der Folge wuchsen die sozialen Unterschiede: Die wenigen Familien, die über ausreichend Land verfügten, hatten ein gutes Auskommen, und auch der Gutsherr machte Gewinne. Die meisten Ahrensburger aber besaßen aber kein oder zu wenig Land, und es gab praktisch keine anderen Erwerbsmöglichkeiten. Ähnliche Entwicklungen vollzogen sich auch in den umliegenden Regionen, und die benachbarten Hansestädte hatten ebenfalls mit einer rasant steigenden Zahl an Armen bei gleichzeitig fehlenden Arbeitsmöglichkeiten zu kämpfen.

Aus Mangel an Alternativen blieben die „kleinen Leute“ also im Ahrensburger Gut, auch wegen des sogenannten Heimatrechts, nach dem die Armenkasse ihres Geburtsortes sie unterstützen musste.

Die Reaktionen auf das Problem der Armut im Ahrensburger Gut waren zeittypisch für das 19. Jahrhundert:

Zum einen wurde ein Werk- und Armenhaus auf Fannyhöh errichtet, für das sich der Gutsjustitiar Huss stark gemacht hatte. Hilfsbedürftige Familien wurden dort zwangseingewiesen.

Einen anderen Weg schlug Ahrensburger Rechenlehrer Joachim Klindt vor: die Hilfe zur Selbsthilfe durch das Flechten von Strohhüten. Das Stroh für die zum Verkauf angebotenen Hüte wurde von der Armenkasse den armen Familien kostenlos zur Verfügung gestellt. Beide Maßnahmen konnten das Armutsproblem jedoch nur lindern, nicht lösen.

Soziale Unterschiede

Besser ging es der Ahrensburger Gutsherrenfamilie: der damalige Gutsherr Ernst Schimmelmann erbte 1845 fast das gesamte Familienvermögen. So konnte er viel investieren in die Verbesserung und Verschönerung des adligen Landlebens. Er veranlasste die Schlossrenovierung, die Errichtung eines neuen Reitstalles mit Reithalle und eines Torhauses über die Schlossbrücke.

Anschluss an das Straßennetz

Woldenhorn war Ende des 18. Jahrhunderts an das holsteinische Wegenetz angeschlossen worden, und die Grafen Schimmelmann sorgten auch weiterhin dafür, dass ihr Gut nicht ins Abseits geriet. Auf der Strecke zwischen Elmenhorst und Wandsbek wurde Woldenhorn 1843 an das überregionale Netz befestigter Wege angeschlossen. Dies geschah im Rahmen des Chausseebaus, also der ersten angelegten Kunststraßen in Schleswig-Holstein. Dieser Anschluss an das Straßennetz sollte für die weitere Entwicklung des späteren Ahrensburgs von großer Bedeutung sein: Die gewählte Streckenführung über die Hamburger und die Große Straße wurde im 20. Jahrhundert ein Abschnitt der B75.